57
Am nächsten Morgen fuhr Fiori ins St. Francis, und Amanda kehrte in ihre Wohnung zurück, um sich für die Arbeit umzuziehen und ein paar Sachen zu packen, die sie am Ende des Tages zu Tony mitnehmen wollte. Dann rief sie im Bezirkskrankenhaus an, erfuhr aber nur, dass die Ärzte keine Besucher zu Vasquez ließen. Anschließend versuchte sie es bei Justine, um herauszufinden, warum Vasquez Cardoni verfolgt hatte, anstatt die Ärztin zu beschützen. Doch es meldete sich nur der Anrufbeantworter, und sie hinterließ eine Nachricht mit der Bitte um Rückruf. Kurz vor Mittag rief Tony an und sagte ihr, sie solle um neun zu ihm kommen. Als sie vor seinem Haus anhielt, hatte sie einen Bärenhunger. Der Duft von geschmorten Tomaten, Kräutern und Gewürzen überwältigte sie, kaum dass sie die Haustür geöffnet hatte. Tony trug Jeans und ein T-Shirt, das mit Tomatensoße bekleckert war.
»Lass mich ans Essen, ich bin am Verhungern!«, sagte Amanda und legte ihm den Arm um die Taille.
»Du wirst noch ein bisschen Reife und Selbstbeherrschung demonstrieren müssen. Ich bin auch eben erst nach Hause gekommen.«
»Hast du irgend'ne Baumrinde, in die ich meine Zähne schlagen kann?«
»Nein«, erwiderte Tony lachend, »aber auf der Anrichte findest du einen Laib Olivenbrot und eine große Flasche Chianti. Wenn du Weißen willst, im Kühlschrank liegt eine Flasche Orvieto. Und jetzt gib mir dein Gepäck!«
Tony nahm Amanda den Koffer ab und trug ihn nach oben. Sie zog ihren Mantel aus und schlenderte durchs Wohnzimmer in die Küche. Auf dem Herd simmerte in einem gusseisernen Topf Tomatensugo, auf der Platte daneben stand ein größerer Topf mit kochendem Wasser. Im Kamin knisterte ein Feuer. Amanda goss sich ein Glas Chianti ein, schnitt sich eine Scheibe Brot ab und ging zur Couch. Sie dachte daran, wie sie sich bei ihrem ersten Rendezvous vor vier Jahren nach dem Abendessen an Tony hin gekuschelt hatte. Es war ein wunderschöner Abend gewesen, ein Abend, an den sie sich oft und gerne erinnerte.
»Von was träumst du denn?«, fragte Tony, als er wieder nach unten kam.
»Wie schön es ist, bei dir zu sein.«
Tony lächelte herzlich. »Mir gefällt es auch.«
Neben dem Herd bimmelte ein Küchenwecker. Tony stöhnte. »Die Pflicht ruft.«
Zehn Minuten später waren die Nudeln fertig. Nach dem Essen trug Amanda das Geschirr in die Küche. Dann setzten sie sich vor den Kamin.
»Erzähl mir von Justine Castle!«, sagte Amanda unvermittelt.
Tony sah sie überrascht an. »Was willst du denn wissen?«
»Wie ist sie?«
»Ich weiß es eigentlich gar nicht so genau. Ich sehe sie im Krankenhaus, aber wir sind nicht mehr intim, wenn du dir darüber den Kopf zerbrichst.«
»Ich bin nicht eifersüchtig. Ich möchte mir einfach ein Bild von ihr machen.«
»Hast du das nicht schon getan, als du sie verteidigt hast?«
»Sie ist die meiste Zeit sehr selbstbeherrscht. Und sie lügt oder hält zumindest Informationen zurück. Wie war sie denn, als ihr noch eine engere Beziehung hattet?«
»Du willst wissen, wie sie war, als wir ein Liebespaar waren?« Es klang, als wäre Tony die Situation unangenehm. Amanda nickte und errötete dabei leicht, weil ihr diese Neugier peinlich war und sie nicht wollte, dass er sie für eifersüchtig hielt.
»Ich war mit Justine nur ein paar Mal zusammen. Der Sex war okay, aber manchmal war ich nicht sicher, ob sie überhaupt wusste, dass ich da war. Und das Reden mit ihr war schwierig, wenn es nicht um die Arbeit ging. Sie ist eine hervorragende Chirurgin, aber neben der Medizin scheint sie keine Interessen zu haben. Ich weiß nicht, was ich sonst noch sagen soll.«
»Glaubst du, dass Justine zu einem Mord fähig ist?«
Tony dachte über die Frage nach.
»Ich schätze, unter bestimmten Umständen ist das jeder«, antwortete er schließlich.
»Ich rede von etwas anderem. Ich rede von... Cardoni hat immer behauptet, dass Justine ihm etwas anhängen wollte, dass Justine die Menschen in der Berghütte umgebracht hat.«
Tony schüttelte den Kopf. »Als Serienmörderin kann ich sie mir nicht vorstellen.«
Amanda hätte Tony gern erzählt, wie die beiden Ehemänner Justines umgekommen waren, aber die Verantwortung ihrer Mandantin gegenüber verschloss ihr die Lippen.
»Wie kommst du darauf, dass Cardoni nicht für diese Morde verantwortlich sein könnte?«
»Ich kann dir nicht viel sagen. Vieles von dem, was ich weiß, ist vertraulich.«
»Hast du dir schon überlegt, wie du deinen Verdacht beweisen könntest?«
»Vasquez hat eine Liste von Morden mit ähnlichen Vorgehensweisen zusammengestellt. Ich könnte nachprüfen, ob Justine an diesen Orten war, als die Morde begangen wurden.«
»Ich bin zwar kein Anwalt, aber hast du nicht eine Verpflichtung Justine gegenüber? Darfst du überhaupt gegen sie ermitteln?«
»Nein, eigentlich nicht.« Sie seufzte. »Es ist nur so, dass ich mich verantwortlich fühle für das, was Vasquez widerfahren ist, und dass ich etwas tun sollte.«
Tony gähnte. »Also ich weiß, was wir tun sollten. Wir sollten ins Bett gehen. Ich bin hundemüde und muss morgen bei Tagesanbruch wieder aufstehen.«
»Ich helfe dir beim Aufräumen.«
»Nicht nötig. Geh doch schon ins Bad, während ich die Spülmaschine einräume! Das dauert nicht lange.«
Amanda ging zu Tony. Er nahm sie in die Arme, und sie lehnte sich an seine Schulter.
»Es ist schön, hier zu sein.«
Er küsste sie auf die Stirn. »Es ist schön, dich hier zu haben.«
Dann klopfte er ihr auf den Hintern. »Jetzt lass mich aufräumen, bevor ich einschlafe!«
Amanda gab ihm einen schnellen Kuss und ging nach oben. Als sie an der Badtür stand, hörte sie den Abfallzerkleinerer laufen. Dann wurde er wieder abgeschaltet. Sie öffnete ihren Koffer und holte ihre Toilettentasche hervor. Sie ging eben in Richtung Bad, als ihr Handy klingelte. Es steckte in ihrer Handtasche, und sie brauchte ein Weile, bis sie es gefunden hatte.
»Hallo?«
»Amanda?«
»Justine?«
Amanda hörte heftiges Atmen am anderen Ende.
»Sie müssen zu mir kommen, sofort. Wir müssen reden. Es geht um Vincent. Es ... es ist dringend.«
Justine keuchte beim Reden. Sie klang sehr aufgeregt.
»Was ist denn ...«
»Bitte kommen Sie sofort!«
»Justine, ich kann nicht ...«
Die Leitung war tot. Unten sprang die Spülmaschine an. Amanda lehnte sich über die Brüstung und rief Tony.
»Was ist denn?«
»Justine hat mich eben auf meinem Handy angerufen.«
Tony kam, ein feuchtes Geschirrtuch in der Hand, zum Fuß der Treppe. Amanda berichtete ihm im Hinuntergehen von dem Anruf.
»Sollen wir die Polizei rufen?«, fragte sie, als sie unten angelangt war.
»Was würdest du ihnen sagen? Wenn sie in Gefahr wäre, hätte sie bestimmt selber die Polizei angerufen.«
»Sie klang so aufgeregt.«
Tony überlegte einen Augenblick. »Lass uns hinfahren!«
Er ging zu einer Schublade und holte eine Pistole heraus.
Amanda riss erstaunt die Augen auf.
»Weißt du, wie man mit so was umgeht?«
»O ja«, sagte Tony. »Das hat mir mein Vater beigebracht. Er war ein Waffennarr. Ich habe zwar nie gern geschossen, aber jetzt bin ich froh, dass ich weiß, wie's geht.«
Justines Haus sah unheimlich und verlassen aus. Die Äste der nackten Bäume bewegten sich in der kühlen Nachtluft wie Skeletthände. Im Erdgeschoss brannte kein Licht, aber zwei der Gaubenfenster im Dach glühten fahlgelb wie Katzenaugen.
»Justine müsste uns doch eigentlich erwarten. Warum ist es unten dunkel?«
»Mir gefällt das nicht«, sagte Tony, als sie aus dem Auto stiegen.
Er drückte auf die Klingel, während Amanda nervös über die Schulter und nach links und rechts sah. Als Justine auch nach dem zweiten Läuten nicht öffnete, drückte Tony auf die Türklinke.
»Abgeschlossen«, sagte er.
Die Vorhänge in den Frontfenstern waren zugezogen, aber zwischen Fensterbrett und Vorhangsaum entdeckte Amanda eine schmale Lücke. Tony zwängte sich durch eine Buchsbaumhecke und kauerte sich hin, um durch die Lücke in das Zimmer sehen zu können. Amanda wollte etwas sagen, aber Tony hielt den Finger an die Lippen und eilte zu ihr zurück. »Geh zum Auto und schließ dich ein«, flüsterte er eindringlich. »Ruf die Neun-eins-eins an. Justine ist da drinnen. Sie ist an einen Stuhl gefesselt.«
»Ist sie ...«
»Geh schon!«, sagte er und schob sie weg. »Verlang einen Krankenwagen! Geh!«
Tony lief um das Haus herum. Amanda kauerte sich hinter das Auto und rief mit ihrem Handy die Neun-eins-eins an. Der Diensthabende nahm ihre Angaben auf und sagte, dass Hilfe unterwegs sei. Danach wollte sie ins Auto steigen, hielt aber inne, weil ihr einfiel, dass Tony den Zündschlüssel hatte. Wenn sie sich jetzt ein-schloss, würde sie in der Falle sitzen und hätte keine Fluchtmöglichkeit, falls Cardoni auf sie losging.
Amanda zögerte kurz und folgte dann Tony zum rückwärtigen Teil des Hauses. Sie ging tief geduckt und horchte auf jedes Geräusch. Hinten angekommen, hörte Amanda plötzlich einen Schuss. Sie erstarrte vor Schreck. Ein zweiter, lauterer Schuss folgte. Amanda drückte sich an der Rückwand entlang, bis sie durch ein Fenster in eine große, moderne Küche sehen konnte, Vincent Cardoni lag zusammengesunken neben dem Kühlschrank an der Wand. Tony stand mit der Pistole in der Hand über ihm. Amanda öffnete die Tür. Der Geruch von Schießpulver hing in der Luft. Tony richtete, die Augen vor Schreck weit aufgerissen, die Waffe auf sie.
»Ich bin's«, schrie Amanda und streckte die Hände nach ihm aus.
»Mein Gott!« Tony ließ die Waffe sinken. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst im Auto bleiben.«
»Ich habe die Neun-eins-eins angerufen, aber ich wollte nicht allein bleiben.«
»Es hätte dumm ausgehen können.«
Plötzlich fiel Amanda der erste Schuss wieder ein. »Bist du in Ordnung?«
Tony nickte.
»Was ist passiert?«
»Er hat versucht, mich umzubringen«, sagte Tony und deutete zu einem Loch etwa in Kopfhöhe in der Wand neben der Hintertür. »Er war in der Küche. Er feuerte, als ich durch die Tür kam.« Tony schüttelte den Kopf. Er wirkte benommen. »Ich habe ihn erschossen.«
Amanda kniete sich neben Cardoni. Unweit seiner Hand lag ein Revolver, auf seinem Hemd breitete sich Blut aus. Cardonis Augen waren geschlossen, der Kopf war zur Seite gekippt. Er lebte, es schien ihm aber sehr schlecht zu gehen. Tony zog ein Taschentuch aus der Hose und hob damit den Revolver auf. Amanda sah ihn fragend an.
»Cardonis Fingerabdrücke sind auf der Waffe. Ich will nicht, dass die Polizei denkt, ich hätte ihn kaltblütig erschossen.«
Amanda fiel plötzlich wieder ein, warum sie mitten in der Nacht zu diesem Haus gefahren waren. Sie nahm Tonys Hand.
»Das ist okay. Es war Notwehr. Aber jetzt müssen wir nach Justine sehen!«
Amanda öffnete die Tür, die ins Wohnzimmer führte. Während sie nach dem Lichtschalter tastete, erkannte sie eine Silhouette vor dem verdunkelten Fenster, und der rostähnliche Geruch von Blut stieg ihr in die Nase.
Sie gab die Suche nach dem Lichtschalter auf und durchquerte das Zimmer. Im Näherkommen sah sie, dass Justines Arme und Beine mit Klebeband so an den Stuhl gefesselt waren, dass ihr nackter Körper völlig schutzlos preisgegeben war.
»Justine«, flüsterte Amanda mit zitternder Stimme.
Der Kopf der Ärztin war nach vorne gefallen, das Kinn ruhte auf der Brust. Auf einem Beistelltisch neben dem Stuhl stand eine Lampe. Als Amanda sie anschaltete, bemerkte sie ein blutverschmiertes Jagdmesser neben dem Lampensockel.
Schwaches gelbes Licht erhellte das Zimmer. Amanda stand mit dem Rücken zu Justine, und sie musste ihren ganzen Mut zusammennehmen, um sich umzudrehen. Ein Schluchzen stieg ihr in die Kehle, ihr Magen verkrampfte sich. Sie wollte sich abwenden, aber sie hatte ihren Körper nicht mehr unter Kontrolle und konnte nur noch voller Grauen das anstarren, was einmal eine sehr schöne Frau gewesen war.
Tony kniete sich neben Justine und suchte nach einem Puls. Dann drehte er sich mit traurigem Blick zu Amanda um und schüttelte den Kopf.